Was ist die Grünlandtemperatursumme (GTS)?
Ein phänologischer Kennwert, der Imkerinnen und Imkern verrät, wann die Vegetation startet — und damit auch die Bienen.
Kurz gesagt
Die Grünlandtemperatursumme (GTS) ist die gewichtete Summe der mittleren Tagestemperaturen vom 1. Jänner eines Jahres an. Sie wurde von den deutschen Agrarmeteorologen Ernst & Löper (1976) als praxisnahes Maß für den Vegetationsstart im Grünland entwickelt. Erreicht die GTS den Wert von 200 °Cd (Gradtagen), gilt der phänologische Vegetationsbeginn als erreicht.
„Die Natur rechnet nicht nach Kalenderdaten, sondern nach aufgelaufener Wärme." — so lässt sich das Prinzip zusammenfassen.
Warum gewichtet?
Ernst & Löper haben erkannt, dass Wärme im Hochwinter für das Pflanzenwachstum weniger „zählt" als Wärme im Frühjahr. Deshalb werden die Monate unterschiedlich gewichtet:
- Jänner: Tagesmittel wird mit Faktor 0,5 gewichtet
- Februar: Faktor 0,75
- ab März: Faktor 1,0
- Negative Tagesmittel werden nicht aufaddiert (Schwellwert 0 °C)
Bedeutung für die Imkerei
Die GTS hat sich in der Imkerei als Leit-Kennwert etabliert, weil sie verlässlicher ist als das Kalenderdatum und regional differenziert:
- 50 °Cd — erste Pollentrachten (Hasel, Erle, Schneeglöckchen)
- 100 °Cd — Erstfrühling, Weidenkätzchen blühen, erstes Brutnest
- 200 °Cd — Vollfrühling, Kirschblüte, Löwenzahn, Vegetationsbeginn erreicht
- 400 °Cd — Honigräume aufsetzen (Raps, Obstbäume)
- 480 °Cd — Massentracht (Raps / Apfel)
- 600 °Cd — Vollsommer, Phacelia und Linde, Varroabehandlung planen
- 820 °Cd — Robinienblüte
- ab 1000 °Cd — Spätsommer, „Goldene Lücke", Wintervorbereitung
Herkunft und Quellen
Die Methode stammt aus der agrarmeteorologischen Literatur der 1970er Jahre:
- Ernst, F. & Löper, W.-D. (1976): Temperatursummen zur Kennzeichnung des Vegetationsbeginns.
- Deutscher Wetterdienst (DWD) veröffentlicht die GTS seither als Standard-Phänologie-Produkt.
- In Österreich stellt GeoSphere Austria über ca. 490 TAWES-Messstationen tagesaktuelle Temperaturdaten bereit. Der SPARTACUS-Datensatz (1×1-km-Raster) dient als Vergleichslinie. Beide Quellen sind unter CC-BY 4.0 frei verfügbar.
Grenzen der GTS
Die GTS ist ein robuster, aber kein perfekter Indikator:
- Sie berücksichtigt keine Niederschläge — Trockenstress bleibt unsichtbar.
- Sie sagt nichts über Tageslänge, Sonnenscheindauer oder Bodenfeuchte aus.
- Lokale Mikroklimata (Hanglage, Kaltluftseen, Stadtwärme) werden nur grob erfasst.
- Durch den Klimawandel verschiebt sich der 200 °Cd-Termin in Mitteleuropa kontinuierlich nach vorn — im langjährigen Mittel um mehrere Tage pro Jahrzehnt.